Entgegen jeder Moral

Tom war mit einem Schlag nüchtern, konnte wieder klar denken und begriff zwei Dinge gleichzeitig. Erstens hatte er gerade den größten Fehler seines Lebens begangen. Zweitens brachte sein bester Freund Nick diese Angelegenheit noch heute Nacht für ihn zu Ende. Mit seinen zittrigen Fingern fuhr er sich durch die verklebten Haare und stutzte, als er dunkle Schlieren an seinen Händen bemerkte. Trotz des schwachen Lichts, welches von der Straße durch die Nacht in den Garten glimmte, wusste er sofort, das es Blut war, sein Blut. Zusätzlich bekam er jetzt Kopfschmerzen, ein dumpfes Dröhnen, das rücksichtslos durch seinen Schädel hallte.

In genau demselben Augenblick begann der Regen. Dicke Tropfen, die übergangslos, fast schwallartig auf ihn und Nick niederprasselten. Binnen Sekunden klebten ihre Klamotten an der Haut. Das Wasser lief ihnen aus den Haaren, bevor sie begriffen was los war. Eine ganze Weile standen sie wortlos nebeneinander, bis sein Freund plötzlich den Blick von ihm abwandte, zum Schuppen eilte und mit einem Spaten in der Hand wieder herausstürmte. Welche Idee oder Eingebung Nick auch hatte, er benahm sich wie ein Wahnsinniger. Schmatzend versank der Spaten in dem klitschnassen Erdreich.

„Nick, das ist purer Wahnsinn, du bist vollkommen irre.”
„Halt die Fresse, Tom und beweg deinen besoffenen Hintern zu mir. Je schneller wir hier fertig werden, desto besser.”
„Schau mich an, wenn du mit mir redest.”
„Leck mich doch am Arsch.”

Tom schnappte nach Luft. Der Abend war beschissen gelaufen. Er hatte zu viel Schnaps getrunken und die Kontrolle über sein Handeln verloren. Wenn auch sein Kopf jetzt einigermaßen klar war, der Alkohol tanzte weiterhin in seinem Körper. Sein Magen brannte. Langsam spürte er Übelkeit in sich aufsteigen. Wenn er sich konzentrierte, ging es ihm sicherlich in ein paar Minuten besser. Er konnte nur hoffen, dass Nick in der Zwischenzeit mit seiner Buddelei in dem Kartoffelbeet nicht noch alles verschlimmerte. Körperlich konnte er ihm nicht das Wasser reichen. Vielleicht konnte er ihm den Unsinn ausreden. In ein paar Minuten, vielleicht. Alles drehte sich. Er musste sich setzen. Und zwar sofort. Bevor er umkippte. Kalt und weich umschloss der Boden seinen Hintern. Vor ein paar Tagen hatte der alte Ludwig diesen Teil des Gartens noch umgegraben und gelockert, das Beet vorbereitet, wenn auch für einen anderen Zweck als diesen. Tom versuchte langsam hochzuschauen. Sein Blick blieb an Nick hängen, der unbeirrt weiterschaufelte.

„Das ist die dämlichste Idee, die du jemals hattest. Wie tief müssen wir denn buddeln? Einen Meter? Zwei Meter?”
„Wir? Ich. Während du faul herumsitzt. Der alte Graukopf hat es nicht anders verdient. Der alte Sack, dieser dämliche alte Zausel.” Mit einem kräftigen Tritt auf das Spatenblatt donnerte Nick den Spaten tiefer in den Boden.
„Ich verstehe überhaupt nicht, warum du auf den Alten so wütend bist.”
„Weil du auch nicht,… ach, hör auf mit dem Geschwafel, lass mich einfach nur machen.”
„Du hast gerade mal einen halben Meter ausgegraben, wenn überhaupt.”
„Der Franz erledigt das auf dem Friedhof im Alleingang. In Handarbeit, oder glaubst du, er fährt mit einem Minibagger-Fuhrpark durch die Grabreihen?”
„Jetzt, wo du es sagst.”
„Wenn du denkst, ich schleppe den alten Ludwig gleich hinunter zum Friedhof…”
„Da gehört ein Toter aber hin.”
„Franz lässt sich nicht bestechen.”
„Ludwig mochte Friedhöfe.”
„Quatsch doch nicht so ein bestusstes Zeug. Ich, ich meine wir, sind am Arsch wenn das herauskommt. Die einzige Lösung ist, dass Ludwig verschwindet, und zwar sofort. Wenn einer nach ihm fragt, egal wer, wissen wir von nichts. Der Alte hat mich lange genug benutzt. Wir vergraben jetzt seine Leiche hier, direkt im Garten, und seine elende Trompete, die schmeiße ich gleich mit hinterher. Basta!”
„So wie den Stein, der Ludwig getroffen hat?”
„Du hast den Stein geworfen. Begreif das doch endlich.”
„Dabei kann ich nicht einmal gut zielen.”
Nick rammte den Spaten in den Boden, schien zu überlegen, bevor er ihn mit prüfendem Blick musterte. “Dann hätten wir das jetzt geklärt.”
„Wir sollten trotzdem die Polizei rufen.”
„Sie werden nach deinem Alibi fragen.” Mit einem plötzlichen Grinsen breitete Nick seine Arme theatralisch aus. „Wie wäre es hiermit: Da kam ein Stein vom Himmel angeflogen und hat Ludwig getroffen, einfach so. Und durch Zufall standen wir daneben. Applaus!”
„Wer soll denn so etwas glauben?”
„Sie dürfen niemals erfahren, dass du ihn im Vollrausch erschlagen hast. Es war dein Stein. Vergiss das nicht.”
„Wobei du den größeren Stein in der Hand hattest. Ich habe das sehr wohl gesehen.”
„Wovon redest du denn jetzt schon wieder?”
„Von dem Stein, unter dem du immer deine hochwichtige Notreserve versteckst, die paar Scheine in der Plastiktüte, meine ich.”
„Nochmal: du hast den Stein geworfen. Es ändert nun mal nichts an der Tatsache, dass du ihm damit den Schädel eingeschlagen hast. Herrgottnochmal.”
„Nick, mir geht es wirklich beschissen.”
„Meinst du nicht, dass ich auch lieber auf dem Sofa sitze und Tee trinke? Stattdessen reiße ich mir für dich den Arsch auf.”

Es schien Lichtjahre her, dass er auf einem gemütlichen Sofa gesessen hatte, vom Teetrinken ganz zu schweigen. Tee mit Schuss, oder umgekehrt, bis er sein Wissen über die Umstände von Ludwigs Tod zu einem Alptraum degradiert hatte, der mit der Zeit verblassen konnte.

Tom schaute sich um. Die Nässe hatte den nächtlichen Garten mit tiefglänzendem Schwarz überzogen. Nick war bereits bis zur Hüfte in dem Loch verschwunden. Daneben lag Ludwig, zusammengekauert zu einem pechschwarzen Schattenhaufen, mit seiner Trompete daneben. Sie musste ihm sofort aus der Hand gefallen sein. Tom hatte Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie der alte Kauz gestern Nachmittag noch an seinem Schreibtisch gesessen und die nächste Gartensaison durchgeplant hatte. Vielleicht hatte er gehofft, dass ihm dieses Jahr sein Sohn helfen würde. Nick nannte ihn stets den Taugenichts. Von weitem hörte Tom einen Hund bellen. Noch ein Idiot, der bei dem Wetter draußen war.

„Und wenn er noch lebt?”
„Nein, da war nichts mehr. Ich habe ihn mir genau angesehen. Du kannst froh sein, wenn der Regen die ganze Sauerei wegmacht.”
„Drüben liegen noch die ganzen Flaschen herum. Die müssen wir auch noch wegräumen.”
„Ludwig hat mir den Abend versaut.”
„Aber es war schon lustig, wie du mit den Flaschen jongliert hattest.”
„Das stimmt. Du hast dich fast eingepinkelt vor Lachen.”
„Wer kommt denn auch auf die Idee, den Mischsalat wie Konfetti in die Luft zu schmeißen.”
„Von wegen Konfetti, ich habe mich verjagt, als der Alte plötzlich auftauchte und mir mit seiner Trompete die Gehörgänge wegpustete.”
„Er wollte die Polizei rufen.”
„Feiern darf doch wohl noch erlaubt sein.”

Tom hatte das nachfolgende Geräusch noch in den Ohren. Ein schlichtes Klonk. Danach folgte Stille. Die Party war zu Ende. Zumindest für Ludwig.

„Wo liegt eigentlich dein Stein?”
„Scheiße. Tom, er liegt da drüben. Ich habe ihn fallen gelassen, als ich sah was dein Stein angerichtet hat.”
„Dein Stein war schwerer als meiner.”

Etwas Kaltes berührte ihn an seiner Schläfe. Tom zuckte zusammen. Erneut flammte der Kopfschmerz auf. Dieses Mal stärker. Hellwach starrte er geradeaus ins Nichts. Nick war verschwunden.

„Schau mich an.”
Noch immer spürte er den Druck an der Schläfe, pulsierend und gegenläufig zu den restlichen Schmerzen in seinem Kopf, die mit Macht an seiner Schädeldecke wummerten. Amöbenartige Flecken waberten vor seinen Augen, tauchten auf und verschwanden wieder.

„Schau mich an.”
Tom öffnete die Augen. Von irgendwoher kam Licht. Es blendete ihn. Langsam tauchte vor dem Licht ein Schatten auf, der sich erst verschwommen, dann immer klarer in ein Gesicht verwandelte, welches direkt über ihm schwebte. Unsinn. Niemand schwebt über einem, außer, er lag auf dem Boden und jemand beugte sich zu ihm herab. Die Lichtquelle wechselte seine Position, kam erst näher, bis sie zur Seite wegrutschte, bevor sie verschwand. Tausend Sterne flimmerten vor seinen Augen nach und raubten ihm die Sicht. Nick war ein Arsch. Für solche Spielchen hatte er gerade keine Nerven übrig.

„Nick?“
Der Name seines Freundes entglitt nur schwerfällig seinen Lippen.
Wieder erschien das Licht, dieses Mal aus einer anderen Position. Wieder musste er blinzeln, dieses Mal konnte er jedoch das Gesicht erkennen. Rund und aufgedunsen senkte sich die Fratze zu ihm herab, bis er dessen fauligen Atem riechen konnte. Das war nicht Nick, sondern…
Tom zweifelte allmählich an seinem Verstand. Über einem Augenpaar glotzte ihn eine Schlange an. Erst nach einer Schrecksekunde begriff er, dass es nur eine Tätowierung war. Sie erstreckte sich über die gesamte Glatze und endete mit dem Schlangenkopf auf der Stirn. Ein Meisterwerk.

“Ich dachte, du wärst hinüber.“
„Was ist passiert?”
“Bleib ma’ ruhig liegen. Am Besten bewegst dich überhaupt nich’.”
“Wo ist Nick?”
“Hier ist kein Nick. Wir sind allein. Nur du und ich, mit Frida.”
“Hä?”
“Meine feine Bulldoggendame. Die Gute hat euch sofort gewittert, bellte wie verrückt. Dann verschwand sie hinter den Sträuchern. Und ich hinterher. Was meinste, wie so ein Gebelle nachts schallt.”
Die Schlangenglatze drehte sich zu der Bulldogge um. „Jaa, so eine Feine.” Mit feuchten Augen nickte er seiner Frida zu, kniete sich vor ihr hin und lobte das sabbernde Hechelwesen, bis er wieder zu ihm herüberblickte.
„War wirklich besorgt, als mich mein Vater kurz nach Mitternacht anrief und erzählte, dass er gleich zu euch wegen Ruhestörung rübergeht. Man gut. Bin sofort los. Mit Frida.”
„Sie sind… Es, es tut mir leid.”
„Mein Vater war schlau genug, ganz still liegen zu bleiben, nachdem er getroffen wurde. Wusste ja, dass ich komme. Jetzt kannste dich ja mal bei mir bedanken.”
„Wofür?”
„Na, dass ich ein wenig für dich aufgeräumt habe. Zum Beispiel das Loch zugebuddelt. Sogar den Spaten habe ich gereinigt und eingeölt, Glänzt wieder wie neu.”
„Wo ist Nick?”
„Ihr wart betrunken und habt euch gestritten. Dabei kam wohl Eins zum Anderen. Wie das manchmal so ist. Aber mach dir keine Sorgen. Wichtig ist, dass doch niemand davon erfährt. Und dafür haste jetzt mich.”
Ludwigs Sohn grinste schief und pulte nebenbei dunklen Dreck aus seinen abgebrochenen Fingernägeln. Jetzt fielen Tom die Schlammflecken auf, mit dem der Typ über und über bespritzt war. Im schwachen Licht der Straßenlaterne erinnerten ihn die dunkleren Schatten an Blut.
„Es gibt noch eine klitzekleine Bedingung. Eine kleine Gebühr für die Beetnutzung, verstehste? Kannste ja jetzt keine Kartoffeln mehr drauf pflanzen. Vielleicht ein paar Blumen. Zur Erinnerung. Schau, ich habe deinem Freund sogar schon einen Stein draufgestellt. Da kannste das Geld dann drunterlegen, am Besten in einer Plastiktüte.“


Das ist mein Beitrag zur 5. Clue Writing Challenge von cluewriting.de

An dieser Stelle möchte ich einmal ‚Danke‘ sagen. An meine Familie und an Anne, für Eure wundervolle Kritik und Eure Bereitschaft, meine Texte ‚testzulesen‘.

 

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